Dummheit an der Macht

31.12.2024

"Den Vollidioten erkennt man eben daran, dass er durch nichts aus der Fassung zu bringen ist. Er ist stets bereit, sich über das eine Meinung zu bilden, was er nicht versteht, und unfehlbar über das zu urteilen, was er nicht weiß" (André Glucksmann, "Die Macht der Dummheit", 131).

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/franzoesischer-philosoph-andre-glucksmann-gestorben-13903781.html

Am letzten Tag des Jahres sollte man optimistisch sein; in Österreich, der Bundesrepublik Deutschland, eigentlich in ganz Europa, ist allerdings und das auch nur im besten Fall, Zweckoptimismus spürbar.

Die Ursache für diese pessimistische Grundstimmung, das darf ganz unverhohlen gesagt werden, ist nicht die Folge jener "multiplen Krisen", die von nahezu allen Politikern orgastisch-frivol dazu missbraucht wurden, von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken bzw. diese zu kaschieren bzw. zu legitimieren; der wahre Grund für die tendenziell kollektiv immer negativer werdende Haltung der Menschen ist ein ganz anderer: Der "Volkszorn" richtet sich nicht gegen den stotternden Wirtschaftsmotor, das marode Bildungssystem oder die aufgeblähte Verwaltung sondern diejenigen, die dafür jede Verantwortung ablehnen.

Die Menschen haben kollektiv verstanden und spüren bzw. müssen tagtäglich sehen und hören, dass sie mittlerweile just nur noch von jenen verwaltet (das Wort regieren spare ich, im Sinne Thomas Bernhards) aus) werden, bei denen die wissenschaftlich anerkannte Kenngröße des intellektuellen Leistungsvermögens vermutlich nicht einmal mehr im Bereich der Standardabweichung angesiedelt wäre; wer das nicht versteht: Die meisten Politiker dürften sich (im Bild unten), nicht nur angesichts der Auswirkungen ihres Versagens, relativ weit links der Mitte, also im unterdurchschnittlichen Normbereich wiederfinden – von einer "Mitte der Gesellschaft" oder "wir sind die Mitte" kann sohin keine Rede sein.

Quelle: https://www.cidsnet.de/bildung/unterschied-eq-iq/

Zumindest bis jetzt hat sich der berechtigte Zorn der Bevölkerung nur in diversen Wahlergebnissen manifestiert; das wird sich bald ändern; da das Volk immer (und das mit gutem Grund) Recht hat, stehen die Zeichen auf Sturm; nicht nur die BürgerInnen unseres Landes haben längst kapiert und verinnerlicht, dass sie es an der Spitze der Verwaltung mehrheitlich nur noch mit parteiparasitären Figuren zu tun haben, denen sie, schon rein intellektuell, überlegen sind und nur im schlechtesten Fall ebenbürtig gegenüberstehen – um moralisch-ethische Maßstäbe erst gar nicht zur Sprache zu bringen; die Verkommenheit ist evident.

André Glucksmann beschreibt in seiner "Macht der Dummheit" den Aufstieg der Dummheit zur Weltmacht; das mag vielen, vor allem den Lesern, ein gewisser Trost sein; nach Glucksmann versteht man besser, wozu Dummheit fähig ist, was ihre Ursachen sind und wie man sie versteht oder damit umgeht; allein, den Kampf gegen die Dummheit hat man damit noch lange nicht gewonnen; sie ist allgegenwärtig und letztlich systemimmanent – nicht umsonst schreibt Glucksmann, die Dummheit besitze Glanz, habe Phantasie, ihre Macht sei zwar trügerisch aber auch aktiv; und sie vermöge Illusionen zu erwecken und das Dasein auf ihre Weise in Szene zu setzen; sie sei nicht das Produkt unserer Schwächen, sondern deren Quell.

Quelle: https://www.centrepresseaveyron.fr/2015/11/10/andre-glucksmann-le-nouveau-philosophe-antitotalitaire-est-mort,3974936.php

Was man dennoch oder gerade deswegen wissen sollte: "Die Dummheit besitzt eine gewisse Unerschütterlichkeit; jeder Art von Angriff prallt an ihr ab"; "der Dumme ist auf seine Weise ein Künstler, er möchte seine Existenz in eine Wesenheit und das Vergängliche in Ewigkeit verwandeln, und als avantgardistischer Schöpfer bekümmert es ihn nur wenig, dass er dabei den Sockel zerstört, auf den er sich für immer eingravieren will. Es ist ihm gleichgültig, dass er sich widerspricht, wenn er nur auf seine Weise seiner Person zur Ewigkeit verhilft und die kleinen Klippen umschifft, die uns Sterbliche, das heißt uns bescheidene Trottel, zum Stehen bringen. Mit der Begeisterung, die einen jeden großen Gedanken beflügelt, geht er bis an die Grenzen seiner selbst, ohne je aus sich herauszugehen, und pflanzt mit Vergnügen seine Fahne auf die Trümmer der Welt, eingedenk der stolzen Devise der Nihilisten: "Lieber das Nichts wollen, als nichts wollen".

Chr. Brugger

31/12/2024