Das grausame Ende eines nordischen Märchens

10.03.2025

Wer gestern so wie ich dachte, die WM in Trondheim wäre vorbei, der hat sich gewaltig geirrt – sie beginnt, danke einem Protest des ÖSV, am grünen Tisch von neuem; ein nordisches Märchen wird gleichsam mit seinem grausamen Ende konfrontiert.

Die Neuauflage der WM haben wir u.a. den ÖSV-Granden Roswitha Stadlober & Mario Stecher zu verdanken, die sich vom norwegischen Verband, respektive den norwegischen Nähkünstlern, betrogen fühlen.

Quelle: https://sport.orf.at/stories/3138883/

Und damit das auch für alle Dummköpfe wie mich verständlich wird, hat Mario Stecher, der spartenübergreifende Sportdirektor des ÖSV, die Vorfälle rund um die olympischen Winterspiele 2006 im piemontesischen Turin ins Treffen geführt und ganz bewusst, wie er sagt, vergleichsweise herangezogen – "es sei ein ähnlicher Fall und es beträfe ein gesamtes Team" (Quelle: https://on.orf.at/video/14266619/sport-aktuell-vom-09032025) – das Statement Stechers wurde in der Sendung "Sport Aktuell" am gestrigen Abend öffentlich "eingespielt".

"Unser Protest ging in die Richtung, dass die gesamten WM-Ergebnisse der Norweger im Skispringen und in der Nordischen Kombination annulliert werden. Dazu stehen wir auch", betont ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher im APA-Gespräch. "Wenn das bei einem Anzug passiert, dann ist das sicher auch für das gesamte Team machbar. Dieser Verdacht erhärtet sich schon, das gehört aufgearbeitet."

Quelle: https://kurier.at/sport/wintersport/nordische-ski-wm-2015/ski-nordisch-kombinierer-mario-stecher-beendet-seine-karriere/116.598.179

Irgendwie klingt es eigenartig, wenn just Stecher den Vergleich mit Turin 2006 anstellt und von der Verantwortlichkeit eines gesamten Teams spricht; wenn alle norwegischen Athleten, die bei der nordischen WM einen Sprunganzug getragen haben, nachträglich ausgeschlossen werden sollen, was Stecher ja fordert, dann hinkt sein Vergleich nicht nur gewaltig, dann stinkt seine Scheinheiligkeit zum Himmel: Denn wenn alle österreichischen Athleten, die bei den olympischen Spielen in Turin, die Teil des nordischen Teams gewesen sind, ausgeschlossen worden wären, hätte diese Sanktion auch ihn, Stecher, betroffen – denn die systematische Zuhilfenahme von verbotenen Substanzen und Methoden, die man gemeinhin unter Doping subsumiert, hätte zumindest für all jene Team-Mitglieder gelten müssen, die dem Dunstkreis gedopter Langläufer zuzuordnen sind; wenn Stecher seinen Betrugsverdacht von Einzelfällen auf das gesamte Team ausgeweitet sehen will, müsste er seine in Turin erhaltenen Medaillen konsequenterweise ebenfalls zurückgeben.

Quelle: https://kurier.at/sport/wintersport/austria-is-a-too-small-country-ein-oesterreichischer-dopingskandal-und-seine-folgen/401194919

Zudem sollte man sich die Frage stellen, ob man die Manipulation von Skisprunganzügen mit dem systematischen Doping im ÖSV ernsthaft vergleichen kann; das, was sich im ÖSV (natürlich ohne Wissen der Verbandsspitze!) in den 1990er-, 2000er- und 2010er-Jahren im Bereich des Dopings abgespielt hat, kann man mE nur insofern mit den norwegischen Sprunganzügen vergleichen, als in beiden Fällen jeweils Nadeln zum Einsatz gekommen sind.

Tatsache ist nun einmal, dass im unmittelbaren Umfeld des ÖSV zumindest über drei Jahrzehnte systematisch gedopt wurde – erwischt wurden aber immer nur jene, die im relevanten Zeitraum sportlich viel zu schwach waren, um mit unlauteren Mitteln so viel besser zu werden, um tatsächlich etwas gewinnen zu können; folgte man der Logik Stechers, müssen zumindest alle Erfolge von ÖSV-Athleten, die in die Zeit des systematischen Verbandsdopings fallen, annulliert werden; Walcher, Mayer, Hoffmann, Dürr, Wurm, Baldauf, Hauke & Co waren mit Sicherheit nur willfährige Bauernopfer; im Sinne Stechers liegt daher der Verdacht nahe, dass auch alle anderen ÖSV-Athleten von den zweifelsfrei festgestellten Methoden profitiert haben – jede andere Annahme wäre, traute man Stecher, absurd, beträfe es doch immer, wie er sagt,  "das gesamte Team".

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/operation-aderlass-frueherer-langlauf-trainer-mayer-festgenommen-16446265.html

Wie auch immer das nordische Märchen fertigerzählt wird, müsste vor allem Mario Stecher klar sein, dass dann, wenn seinen Vorstellungen entsprochen wird und alle norwegischen Athleten, die bei der WM in Trondheim für ihre Erfolge eine Skisprungschanze benötigt haben, nachträglich ausgeschlossen werden, die nordische Kombination von der olympischen Landkarte endgültig verschwinden wird.

Die nordische Kombination ist ohne norwegische Athleten bzw. deren Teilnahme unter Schrottwert zu taxieren; wenn sich für diese Sportart überhaupt noch jemand interessiert, ist das ausschließlich Herren und Damen aus dem hohen Norden zu verdanken; allein schon der Rücktritt von Jarl Magnus Riiber, dem Superstar und "Aushängeschild" der Kombinierer, wird das Interesse an diesem Sport weiter sinken und endgültig im Niemandsland der völligen Bedeutungslosigkeit ankommen lassen; und dächte man sich bei den Damen Gyda Westvold Hansen und Ida Marie Hagen weg, dann wären Wettkämpfe in dieser Disziplin völlig wertlos – und Ergebnislisten ohne diese beiden Athletinnen wären, wenn überhaupt, nur noch statistisch von Belang.

Es könnte also sein, dass der ehemalige Kombinierer Stecher zum Totengräber seiner eigenen Sportart wird – Chapeau; auch das muss jemand erst einmal zusammenbringen.

Chr. Brugger

10/03/2025